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Wenn selbst der Wald keinen Schutz mehr bietet

Hitze und Trockenheit setzen Wildtiere nicht nur an einzelnen Sommertagen unter Druck. Wenn Wasserstellen austrocknen, Wälder geschädigt werden und Nahrung knapper wird, verändern sich ganze Lebensräume. Für viele Arten wird deshalb entscheidend, ob sie künftig noch genügend kühle, feuchte und störungsarme Rückzugsorte finden.


An heissen Sommertagen scheint die Rollenverteilung klar: Während Menschen Schatten suchen, ziehen sich viele Wildtiere in den Wald zurück. Unter den Bäumen ist es kühler, der Boden feuchter, die Luft angenehmer als auf offenen Feldern oder in versiegelten Siedlungsräumen. Für Rehe, Füchse, Vögel und zahlreiche andere Arten ist der Wald ein lebenswichtiger Schutzraum. Doch was passiert, wenn genau dieser Schutzraum zunehmend unter Druck gerät?

Der Sommer 2026 hat diese Frage in vielen Regionen der Schweiz sichtbarer gemacht als zuvor. Böden sind ausgetrocknet, Wasserstände tief, Bäume verlieren ihre Blätter bereits mitten im Sommer. Fachleute beobachten grossflächige Schäden in einzelnen Waldgebieten und warnen vor langfristigen Veränderungen. Was auf den ersten Blick wie ein Problem für den Wald erscheint, betrifft auch die Tiere, die dort leben. Denn Wildtiere leiden nicht nur unter der Hitze selbst. Entscheidend ist zunehmend, ob sie noch genügend geeignete Ausweichmöglichkeiten finden.

Ein Wald verändert sich leise – und genau das macht die Gefahr so tückisch

Ein ausgetrockneter Bach fällt sofort auf. Ein geschädigter Wald dagegen verändert sich schleichend. Viele Bäume reagieren auf Hitze und Wassermangel mit einer Art Notprogramm: Sie werfen Blätter frühzeitig ab, reduzieren ihr Wachstum und sparen Wasser. Für die Tiere im Wald hat das Folgen. Wo Kronen ausdünnen, gelangt mehr Sonnenlicht bis auf den Boden. Schatten verschwindet, Böden trocknen schneller aus und die Temperaturen steigen.

Der Wald ist jedoch weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Für viele Arten ist er gleichzeitig Schutzraum, Speisekammer und Kinderstube. Insekten finden dort Nahrung, Amphibien feuchte Rückzugsorte, Vögel Brutplätze und Säugetiere kühlere Bereiche während der heissesten Tagesstunden. Wird der Wald trockener und lichter, verändert sich dieses fein abgestimmte Gefüge.

Besonders deutlich zeigt sich das aktuell in Teilen der Nordwestschweiz. Dort beobachten Forschende Schäden an Buchenbeständen, die sich davon möglicherweise nicht mehr vollständig erholen werden. Für Wildtiere bedeutet das nicht einfach weniger Bäume. Es bedeutet veränderte Lebensbedingungen.

Wasser wird zum limitierenden Faktor

Noch unmittelbarer zeigt sich die Entwicklung beim Wasser. Viele Tiere decken ihren Flüssigkeitsbedarf nicht nur über Trinkwasser, sondern auch über Pflanzen, Nahrung oder Tau. Dennoch wird Wasser in Hitzeperioden zu einer immer wichtigeren Ressource. Trocknen kleine Bäche, Pfützen oder Tümpel aus, verschwinden oft gleichzeitig Nahrung und Deckung.

Besonders betroffen sind Arten, die auf feuchte Lebensräume angewiesen sind. Amphibien gehören dazu. Sie treffen in einer zunehmend trockenen Landschaft auf ein Problem, das bereits lange vor den aktuellen Hitzesommern begonnen hat: Viele Feuchtgebiete sind verschwunden oder voneinander isoliert worden. Für sie entscheidet nicht nur die Temperatur über das Überleben, sondern die Frage, ob überhaupt noch ausreichend Gewässer erreichbar sind.

Auch bei Fischen werden die Folgen sichtbar. Sinkende Wasserstände und steigende Temperaturen reduzieren den Sauerstoffgehalt im Wasser. Was für Menschen kaum wahrnehmbar ist, kann für Forellen, Äschen oder zahlreiche Kleinstlebewesen existenzbedrohend werden.

Nicht alle Arten reagieren gleich

Nicht alle Tiere sind von dieser Entwicklung gleich betroffen. Einige Reptilienarten profitieren teilweise von wärmeren Bedingungen und breiten sich in neue Gebiete aus, beispielweise die Mauereidechse. Doch auch für sie sind steigende Temperaturen nicht unbegrenzt von Vorteil. Andere Arten verlieren durch die Hitze dagegen eindeutig Lebensraum. Die Kreuzotter oder die Waldeidechse etwa gehören zu den Arten, die langfristig stärker unter Druck geraten könnten.

Auch viele Säugetiere passen ihr Verhalten an. Wildschweine verbringen mehr Zeit in Schlammlöchern, Huftiere verlegen ihre Aktivitäten in kühlere Tageszeiten und verschiedene Arten suchen gezielt schattige Bereiche auf. Doch Anpassung hat Grenzen.

Wenn es nicht mehr höher geht

Besonders deutlich wird dies in den Alpen. Seit Jahren beobachten Forschende, dass zahlreiche Arten in höhere Lagen ausweichen. Dort sind die Temperaturen tiefer und die Bedingungen oft günstiger. Für viele Tiere funktioniert diese Strategie bislang erstaunlich gut. Problematisch wird es für jene Arten, die bereits heute in hochalpinen Regionen leben.

Steinböcke etwa suchen zunehmend höhere und schattigere Bereiche auf. Das klingt zunächst logisch. Doch je weiter eine Art nach oben ausweicht, desto kleiner wird der verfügbare Lebensraum. Irgendwann endet der Berg. Gleichzeitig müssen Tiere teilweise längere Wege auf sich nehmen, um Nahrung oder Wasser zu finden. Das kostet Energie – genau jene Energie, die sie eigentlich für die Aufzucht von Jungtieren oder den kommenden Winter benötigen würden.

Was Menschen tun können – und was nicht

Die Versuchung ist gross, überall helfen zu wollen. Und tatsächlich können kleine Massnahmen sinnvoll sein. Im Siedlungsraum helfen flache Wasserschalen vielen Tieren über besonders heisse Tage hinweg. Voraussetzung ist allerdings, dass sie sauber gehalten und regelmässig mit frischem Wasser gefüllt werden.

Weniger sinnvoll ist es dagegen, wahllos Behälter oder Kübel mit Wasser im Wald aufzustellen. Solche Lösungen können neue Probleme schaffen und ersetzen keine intakten Lebensräume. Langfristig profitieren Wildtiere vor allem dort, wo natürliche Strukturen erhalten oder wiederhergestellt werden: Feuchtgebiete, Weiher, naturnahe Bachläufe, strukturreiche Wälder und störungsarme Rückzugsräume.

Die eigentliche Herausforderung liegt in den Lebensräumen

Die Folgen eines Hitzesommers sind leicht zu erkennen: trockene Wiesen, braune Blätter, tiefe Wasserstände. Weniger sichtbar ist, was dahinter passiert. Für Wildtiere entscheidet sich die Zukunft nicht an einzelnen Hitzetagen. Entscheidend wird sein, ob sie auch künftig genügend Orte finden, an denen sie Schutz vor diesen Extremen suchen können.

Ein kühler Bachlauf. Ein schattiger Wald. Ein feuchter Tümpel. Eine störungsarme Ecke im Gebirge. Solche Rückzugsräume waren für viele Arten schon immer wichtig. Mit zunehmender Hitze und Trockenheit werden sie zur eigentlichen Lebensversicherung vieler Wildtiere.

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